Trauer & Freude

Eine Co-Existenz der Gefühle …

Vorletzte Woche im Dienst habe ich einige, teils ehemalige, Kolleginnen zum ersten Mal seit meiner Rückkehr in die Arbeitswelt wieder gesehen.

Natürlich haben Sie mich alle gefragt, wie es mir geht und ich wusste nicht, was ich darauf antworten sollte. Also entschied ich mich für meine Standardantwort seit deinem Tod – „es geht“.

 

Eigentlich wollte ich gerne antworten „Danke, gut!“.

Aber ich scheue mich davor, so zu antworten. Nicht, weil es nicht stimmt, sondern aus mehreren anderen Gründen.

Der, für mich, wichtigste Grund ist: Darf ich das sagen? Darf ich sagen, dass es mir gut geht – obwohl du nicht mehr bei mir bist? Obwohl du gestorben bist? Zu sagen, dass es mir gut geht, fühlt sich nach Verrat dir gegenüber an …

Du warst mein Kind, mein Sohn, mein eigen Fleisch & Blut … bist es noch und wirst es auch immer sein. Und du bist tot. Darf es mir da gut gehen?

 

Ich bin nicht sicher, aber …

Es geht mir gut.

 

Diesen Satz zu schreiben und auch zu lesen, fühlt sich verwirrend an, weil ich immer noch um dich trauere. Ich vermisse dich wahnsinnig und es vergeht kein Tag, keine Stunde und keine Minute, in der ich dich nicht vermisse und nicht an dich denke.

Es gibt sogar Momente, kurze Sequenzen, in denen sich dein Tod nicht real anfühlt – so, als wäre er nie passiert und du noch immer hier bei mir wärst. Ob du mich in diesen Momenten besuchen kommst oder mein Verstand einfach alles kurz verdrängt, um meinem schweren, trauernden Herzen eine kleine Verschnaufpause zu schenken? Ich weiß es nicht … beides ist möglich.

 

Dennoch geht es mir gut - meistens jedenfalls.

 

Allerdings anders als vor deiner Geburt. Nicht mehr dieses unbeschwerte, leichte, beschwingte, gemeinhin bekannte – vielmehr ein leises, zurückhaltendes, das sich den Platz mit meiner Trauer in meinem Herzen teilt. Denn ein Teil meines Herzens wird immer schwer vor Trauer und voll mit vernarbtem Schmerz sein.

Es ist jetzt eben ein anderes „gut gehen“.

 

Ich denke jedoch, das eine schließt das andere nicht aus.

 

Ich kann mittlerweile um dich trauern, dich vermissen, an dich denken und von dir erzählen und trotzdem geht es mir gut dabei – bis auf die Schuldgefühle, dass es mir gut geht.

 

Direkt nach deinem Tod war die Trauer grenzenlos und der Schmerz schier unerträglich. Er war dermaßen vereinnahmend und überwältigend, dass er kein anderes Gefühl zuließ. Er bot keinem anderen Gefühl Raum – weder Hunger noch Müdigkeit noch sonst irgendetwas … und schon gar nicht Freude.

 

Die Zeit heilt auch nicht alle Wunden und die Trauer und der Schmerz wird auch nicht weniger, aber beide verändern sich.

 

Und so wie ich dich gehen lassen musste, muss ich meiner Trauer nun erlauben, sich zu verändern.

Damit ganz langsam und allmählich auch wieder andere Gefühle daneben Platz finden.

 

Die Trauer um dich wird immer da sein, sie wird immer ein Teil meines Lebens sein – sie wird immer ein Teil von mir sein. Aber ich lerne gerade, dass sie beginnt eine Co-Existenz mit anderen Gefühlen einzugehen.

Ich darf dich jede Sekunde meines Lebens schmerzlich vermissen, mit jeder Faser meines Herzens und trotzdem darf es mir dabei gut gehen.

 

Ich möchte wieder am Leben teilhaben, mich freuen können und es mir gut gehen lassen und das nicht mehr nur für deinen Bruder vorgetäuscht, sondern tatsächlich.

 

Mein nach vorne gerichteter Blick und meine Vorfreude auf ein Neues, gänzlich anderes Kapitel meines Lebens hat damit extrem viel zu tun.

Und diesen Blick verdanke ich dir!

 

Du hast mir ganz klar und deutlich gezeigt, dass ich vom Weg abgekommen war. Ich hatte mein Ziel aus den Augen verloren. Ich bin nicht dort, wo ich schon so lange hin wollte.

Das war keine bewusste Entscheidung, vielmehr kam einfach das Leben dazwischen und ich ließ mich von diesem Leben ablenken.

 

Aber das ändert sich nun!

 

Du hast mich an meinen Traum erinnert und vielleicht sogar dafür gesorgt, dass alles dafür Notwendige meinen Weg kreuzt. Diese „Zeichen“ waren so groß und eindeutig, dass ich gar nicht lange überlegen musste und sich „wie von Zauberhand“ alles von allein gefügt hat …

 

Und seitdem, seit ich dieses Ziel wieder vor Augen habe und sogar bereits alles unter Dach und Fach ist, seitdem geht es mir wieder gut – WÄHREND ich um dich trauere und dich vermisse …

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Kommentare: 1
  • #1

    Tatjana (Montag, 12 Juni 2023 06:31)

    Du darfst und sollst wieder gerne sagen können -ja es geht mir gut - er hätte und er will es auch so - er ist vor allem der kleine Engel der euren Jonas beschützt und der braucht ne Mama die sich auch freuen darf und kann - es ist kein Verrat Auch wenn solche Gefühle hochkommen - Louis ist und bleibt Teil eures Lebens - und das ist schön und so kann man die Gedanken vielleicht eines Tages mal mehr mal weniger sortieren. Dass du darüber schreibst hilft nicht nur dir und euch als Familie und liebe Freunde die mithelfen - es hilft auch andren die ein ähnliches Schicksal erlitten bzw. gerade mittendrin sind. Danke liebe Denise dass es dich gibt und verliere niemals deine offene Art und vor allem Herzlichkeit.

Auch wenn deine kleinen Füße die Erde nie berührten, haben sie doch tiefe Spuren hinterlassen ...