Vorletzte Woche habe ich sehr lange mit einer ganz lieben Bekannten bei einem gemeinsamen Frühstück über dich und deine Geschichte geredet.
Und dabei habe ich festgestellt, dass wir leider beide die Erfahrung machen mussten, dass unsere Mitmenschen sehr hilflos im Umgang mit uns und unserem Verlust waren.
Deshalb möchte ich diesen Beitrag ausnahmsweise nicht direkt an dich richten, mein geliebtes Hamsterchen, sondern an alle Menschen, die das hier lesen.
Vorweg möchte ich jedoch betonen, dass ich damit niemandem einen Vorwurf mache. Denn ich wüsste auch nicht, wie ich mich verhalten hätte, wenn jemand aus meinem Umfeld sein Kind verloren hätte – bevor ich diese Erfahrung machen musste.
Deshalb möchte ich euch heute eine kleine Hilfestellung geben bzw. ein paar Möglichkeiten aufzeigen, wie ihr Familien in so einer schrecklichen Situation unterstützen könntet. Einfach anhand meiner persönlichen Erfahrung …
Eines der elementarsten und wichtigsten Dinge überhaupt: kocht für sie!
Das klingt jetzt ganz banal & einfach und das ist es tatsächlich auch. Kocht einfach für sie, stellt es vor die Tür und schreibt eine SMS, WhatsApp Nachricht, etc. dass Essen für sie vor der Tür steht.
Dabei ist es absolut egal, was ihr kocht. Es muss nichts Großartiges sein. Kocht einfach mehr von dem, was ihr an dem Tag ohnehin für euch und eure Familie kocht und bringt etwas davon zu den Eltern. Fragt vorher nicht, was sie essen wollen – denn sie haben keinen Kopf dafür, sich das zu überlegen und sie wollen ohnehin nichts essen. Aber sie müssen essen!
Für uns hat nach Louis‘ Tod niemand gekocht und das hatte zur Folge, dass ich 5 Tage absolut gar nichts gegessen habe und weitere 2 Wochen nur an manchen Tagen. Und das ist alles andere als gesund.
Gesprächsangebote sind zwar sehr nett und bestimmt auch gut gemeint, ich kann euch aber aus eigener Erfahrung sagen, dass sie vor allem in der ersten Zeit der Trauer nicht helfen – außer ihr habt selbst bereits ein Kind verloren. Also sagt es ihnen!
Wenn ihr selbst bereits ein Kind verloren habt – unabhängig davon ob das in der Frühschwangerschaft, in der späteren Schwangerschaft oder nach der Geburt war – sagt es ihnen. Ihr müsst es nicht in die Welt hinaus schreiben, aber sagt es der betroffenen Familie.
Ich habe nach Louis‘ Tod von einigen sehr lieben Bekannten erfahren, dass auch sie ein Kind verloren haben. Eine davon hat mir eine mehrminütige Sprachnachricht geschickt und mir in dieser Nachricht ihre Geschichte erzählt und das hat mir unglaublich geholfen! Es hat meine Trauer natürlich nicht gemindert, aber es hat mir gezeigt, dass ich nicht allein bin und dass da jemand ist, der mich tatsächlich verstehen kann. Der nachvollziehen kann, wie es mir geht …
Denn, wenn man es nicht selbst erlebt hat, kann man es weder nachvollziehen noch sich vorstellen – das ist einfach Fakt!
Also vertraut ihnen und erzählt es ihnen – sie werden euer Vertrauen nicht missbrauchen!
Legt ihnen Blumen vor die Tür!
Als wir am Tag nach Louis‘ Tod vom Bestatter nach Hause kamen, lag vor unserer Eingangstür ein einzelner Lilienstängel mit 7 weißen Knospen, eingewickelt in Papier, mit einer Kondolenzkarte, von unseren Nachbarn. Eine so einfache und simple Geste, die mir so unendlich viel bedeutet hat und über die ich mich in dieser dunklen Phase der tiefsten Trauer so sehr gefreut habe.
Es müssen natürlich keine Blumen sein. Eine gute Freundin hat mir nach Monaten erzählt, dass sie mir ein Sternenkind-Buch schenken wollte, es aber nicht getan hat, weil ihre Mama meinte „Das kannst du nicht machen!“. Das finde ich irrsinnig schade. Denn sie hatte das richtige Bauchgefühl und hat sich von jemandem, der mich nicht kennt beeinflussen lassen. Ich hätte es nämlich sehr schön gefunden und hätte mich gefreut.
Also vertraut einfach auf euer Bauchgefühl!
Schickt Kondolenzkarten!
Ich weiß, in Zeiten der digitalen Welt ist man natürlich geneigt, einfach eine Nachricht zu schreiben und das ist besser als gar nichts. Aber digitale Nachrichten haben keinen Bestand – Kondolenzkarten schon. Sie sind eine bleibende Erinnerung, die man fein säuberlich aufheben kann und immer dann hervorholen kann, wenn einem danach ist. Niemand sucht eine Beileidsnachricht am Handy aus einem Chatverlauf …
Falls ihr die Betreuung eines Geschwisterkindes übernehmt, während der finalen Phase der Sterbebegleitung durch die Eltern: seid nicht bei ihnen zu Hause, wenn sie dann heim kommen.
Für mich persönlich war es die Hölle, dass Jonas und seine Großeltern da waren, als mein Mann und ich nach dem Tod unseres Sohnes nach Hause kamen. Auch wenn ich weiß, dass es keine böse Absicht war und sie sich bestimmt nichts dabei gedacht haben, war es einfach nur beklemmend. Ich wollte niemanden sehen und nur meine Ruhe haben, wenigstens für 30 Minuten. Den ganzen Heimweg über musste ich funktionieren, musste meine Gefühle hinunter schlucken – denn ich musste ja Auto fahren – und ich habe nur darauf gewartet, endlich zu Hause die Tür aufsperren zu können und mir einen kurzen Zusammenbruch zu erlauben …
Das ging aber leider nicht, weil mein 2-jähriger Sohn ja da war und ich diesen natürlich beschützen wollte.
Also, ich weiß das klingt jetzt hart, aber verzieht euch mit dem Geschwisterkind! Egal wohin: geht spazieren, fahrt einkaufen oder sonst wohin – aber verzieht euch!
Gebt den Eltern die Chance, sich einen kurzen Zusammenbruch zu erlauben!
Nehmt ihnen diese Geschwisterkinder auch nach dem Tod des geliebten Kindes immer wieder mal ab!
Gerade die Eltern eines verstorbenen Kindes brauchen Zeit & Raum für ihre Trauer, ganz besonders am Anfang. Beides haben sie jedoch nicht, wenn sie sich 24 Stunden am Tag um ein Geschwisterkind kümmern müssen.
Uns wurde das leider nicht angeboten und so konnte ich diese Hilfe erst nach einiger Zeit einfordern. Das hat leider zur Folge, dass ich bis heute Tage habe, an denen mich meine Trauer so stark einholt, als wäre es der erste Tag. Tage, an denen ich gerade mal zu den nötigsten Dingen (aufstehen, anziehen, Kind versorgen) fähig bin – aber zu sonst nichts.
Bietet konkrete Hilfe an!
Wir haben sehr viele allgemeine Hilfsangebote bekommen „Meldet euch, wenn ihr was braucht!“.
Das war zwar sehr nett, hat in Wahrheit aber kein bisschen geholfen. Denn niemand gibt gerne zu, dass er Hilfe braucht und schon gar nicht, wenn man aktiv danach fragen muss. Aber genau das muss man, bei so einem Hilfsangebot.
Wir waren natürlich dankbar für diese Angebote, aber in Anspruch nehmen, konnte ich sie nicht, da mir einfach die Kraft fehlte, aktiv Kontakt zu irgendjemanden aufzunehmen.
Fragt also nicht, OB ihr einkaufen gehen sollt. Fragt stattdessen, WAS ihr einkaufen sollt.
Fragt nicht, OB ihr den Rasen mähen sollt, sondern fragt, WANN ihr kommen könnt, um den Rasen zu mähen.
Usw, usw – ich denke, ihr wisst, was ich meine.
Und zu guter Letzt: Meldet euch bei den Betroffenen!
Damit meine ich nicht, dass ihr sie täglich anrufen oder ihnen täglich schreiben sollt. Aber meldet euch in regelmäßigen Abständen. Eine kurze Nachricht „Ich/wir denke(n) an euch!“ genügt vollkommen.
Bekommt ihr darauf eine Antwort – perfekt!
Wenn nicht, lasst ein paar Tage vergehen und versucht es dann wieder.
Mit am schlimmsten an der ersten Zeit der Trauer und Verzweiflung war die soziale Isolation.
Nach 2/3 Monaten fand ich nach und nach heraus, dass sehr, sehr viele Leute überlegt hatten, mir zu schreiben. Getan hat es aber letztendlich keiner. Und das finde ich sehr, sehr schade …
Denn es hätte mir verdammt gut getan, zu wissen, dass so viele Leute in ihren Gedanken bei mir sind. Das hätte mir Kraft gegeben. Leider waren alle zu unsicher und ich somit in dem Gefühl, „alleine“ zu sein.
Erst vor kurzem hat mir eine Freundin erzählt, dass sie mich so gerne angerufen hätte, aber sie wusste nicht, was sie sagen sollte. Und ich sagte ihr „Genau das!“
Es ist viel besser anzurufen und einfach zu sagen „Ich weiß nicht, was ich sagen soll, aber ich wollte dich unbedingt anrufen“ als gar nicht anzurufen.
Natürlich ist jeder Mensch anders und was für den Einen richtig ist, ist nicht zwangsläufig für Alle richtig.
Aber ich denke, mit einem frisch gekochten Essen, einer Kondolenzkarte, ein paar Blumen oder einem kleinen Geschenk und der gezielten Frage „WAS brauchst du?“ kann man nie etwas falsch machen.

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Tatjana (Mittwoch, 22 Februar 2023 07:40)
Deine Worte haben mich sehr berührt und ich weiß dass du mit diesem Blog sehr vielen Menschen helfen wirst - es Zeit von vertrauen, Mut und Stärke dass ihr eure traurigen Erfahrungen teilt - Hut ab. Innige Umarmung und weiterhin viel Kraft das wünsche ich euch von Herzen