Aus Herbst wird Winter

Schneeflöckchen, Weißröckchen, …

Fast einen Monat habe ich nichts geschrieben.

 

Mir fehlte die Kraft; ich war müde … Ich BIN müde!

 

Mein Schlafbedarf ist seit einiger Zeit enorm. Ich habe das Gefühl, dass mein Körper die Ruhe einfordert, auf die er im Sommer verzichten musste.

Und doch muss es irgendwie weiter gehen.

 

Also habe ich unser Haus am Montag und Dienstag weihnachtlich geschmückt.

 

Dein Bruder war an diesen beiden Tagen bei deinen Großeltern und so hatte ich Zeit & Ruhe die Weihnachtsdeko aus dem Keller zu kramen und mir zu überlegen, was ich dieses Jahr aufstelle und wohin.

Dabei habe ich mir natürlich gleich mal eine Weihnachts-CD aufgelegt.

 

Auch wenn einige Leute das bestimmt verfrüht finden – ich habe immer bereits Mitte November geschmückt. Denn laut einer Studie sind Leute, die früher für Weihnachten schmücken, glücklicher!

 

Ich habe die Vorweihnachtszeit immer geliebt.

 

Doch trotz festlich geschmücktem Haus, Weihnachtsmusik und Lichterglanz wollte sich dieses Jahr keine Vorfreude einstellen. Weil ein Teil unserer Familie fehlt – DU!

 

Und doch muss es irgendwie weiter gehen.

 

Somit stand ich heute Abend – wie jedes Jahr um diese Zeit – in der Küche und habe Kekse gebacken. Lebkuchen!

Die habe ich sonst nie gebacken. Aber nachdem Backen für mich Entspannung und Kopf ausschalten bedeutet, habe ich sie heuer einmal ausprobiert. Denn dieses Jahr ist Kopf ausschalten keine gute Idee – zu laut werden die Gedanken!

 

Während ich also darauf wartete, dass die letzten duftenden Lebkuchen im Backrohr ihre Farbe von stumpfem hellbraun zu glänzendem mittelbraun ändern und dein Bruder am Esstisch selig schmatzend „mmmh, Nudelsuppe, gut!“ von sich gab, sah ich ihn …

 

Den ersten Schnee des Jahres!

 

Ich rannte zur Terrassentür, riss sie auf und tatsächlich! Es hatte angefangen zu schneien und unser Garten lag bereits unter einer weißen, stillen Decke.

 

Als ich freudig „Es schneit!“ rief, maulte dein Papa nur „Na super …“.

 

Er konnte sich noch nie über Schnee freuen. Er sieht immer nur die damit verbundene Arbeit und sein schmutziges Auto nach dem vielen Salz, dass jetzt dann gestreut wird um die Straßen befahrbar zu halten.

 

Aber ich: ich liebe Schnee!

 

Das weiße Glitzern, die Stille, die er mit sich bringt, die dumpfen und gleichzeitig knirschenden Schritte, wenn man drüber geht.

 

Er macht die Welt zu einem ruhigeren und friedlicheren Ort.

 

Und das finde ich schön!

 

Wie ich dann so in der Terrassentür stand, das Maulen deines Papas ignorierte und den tanzenden Flocken zusah, die leise vom Himmel fielen, spürte ich es: Freude! Pure Freude!

 

Ein Gefühl, das ich lange nicht mehr gespürt habe.

 

Natürlich gab es in den letzten Monaten Momente oder Dinge, über die ich mich gefreut habe, aber richtige Freude habe ich seit deinem Tod nicht mehr empfunden.

Die letzte wirkliche Freude, die ich empfunden habe, war im August. Als ich neben dir saß mit einer Hand im Inkubator und auf deiner Beatmungsmaschine lauter kleine rote Dreiecke beobachtete, die deine selbstständigen Atemzüge anzeigten.

 

Doch dieser erste Schnee des Jahres, diese kleinen, weißen, einzigartigen Flocken haben Freude in mir ausgelöst!

 

Während ich nun darüber schreibe, frage ich mich, ob ich das überhaupt empfinden darf? Darf ich bereits Freude empfinden … so kurz nach deinem Tod? Er ist ja noch nicht einmal drei Monate her …

 

Die Antwort lautet: ja, ich darf! Ich gestatte es mir selbst!

Denn deswegen vermisse ich dich nicht weniger, trauere nicht weniger um dich, liebe dich nicht weniger!

 

Ich werde dich mein ganzes Leben lang vermissen!

Ich werde mein ganzes Leben um dich trauern!

Und ich werde dich mein ganzes Leben lang lieben!

 

Doch heute erlaube ich mir pure, intensive Freude über den ersten Schnee des Jahres zu Empfinden – wenn auch nur kurz!

 

Denn wer weiß schon, ob du mir nicht diesen Schnee geschickt hast … um mir genau dieses Gefühl wieder zu schenken …

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Auch wenn deine kleinen Füße die Erde nie berührten, haben sie doch tiefe Spuren hinterlassen ...