Seit 6 Wochen versuche ich um dich zu trauern ...
Ich versuche es, aber es gelingt mir kaum.
Nicht, weil ich nicht möchte – ich möchte um dich trauern mein Hamsterchen, mein kleiner Louis, mein über alles geliebtes Kind!
Ich weiß natürlich auch, dass es wichtig ist, um dich zu trauern … die Trauer zuzulassen, um irgendwann wieder atmen zu können, wieder Freude zu empfinden und vielleicht sogar zu lächeln, wenn ich an dich denke.
Aber Trauer braucht Zeit. Und 6 Wochen sind nun wirklich keine lange Zeit.
Trauer braucht jedoch nicht nur Zeit, sie braucht vor allem eines: Raum!
Raum, den ich einfach nicht habe …
Denn diesen Raum beansprucht täglich von 6 Uhr früh bis 20 Uhr abends dein Bruder.
In dieser Zeit möchte ich meiner Trauer keinen Raum geben. Dein Bruder hat es verdient wieder in seinen gewohnten Alltag zurückzufinden. Er verdient es, wieder eine unbeschwerte Kindheit erleben zu dürfen. Die letzten Wochen und Monate waren für ihn schwer genug …
Sie waren für uns alle schwer.
Für deinen Papa, der während deiner Lebenszeit zwischen Arbeit, Krankenhaus und zu Hause hin und her gependelt ist und sich die erste Zeit nach deinem Tod fast komplett allein um deinen Bruder gekümmert hat – ich war dazu nämlich kaum in der Lage.
Für deinen Bruder, der in dieser ganzen Zeit auf uns verzichten musste und hauptsächlich von deinen Großeltern betreut wurde.
Für deine Großeltern, die ihr komplettes Leben hinten angestellt haben, um für deinen Bruder da zu sein, für uns einzukaufen, für uns zu kochen
und teilweise sogar unseren Haushalt zu führen – wofür ich ihnen unendlich dankbar bin. Dank ihnen konnte ich soviel gemeinsame Zeit mir dir verbringen, wie es nur möglich war!
Und natürlich auch für mich …
Wenn dein Bruder dann also abends schläft, räume ich unser Haus zusammen und erledige all die Dinge, die untertags liegen geblieben sind. Meistens ist es dann 22 Uhr, bis ich mit allem fertig bin und mich gemütlich auf die Couch im Wohnzimmer setzen kann.
Und dann?
Dann habe ich jeden Abend zwei Möglichkeiten:
Entweder ich lasse die Trauer nun zu, mit dem Wissen, dass ich in dieser Nacht garantiert nicht vor 1, 2 oder 3 Uhr einschlafen kann. Dazu müssen allerdings auch die Umstände passen – denn trauern auf Knopfdruck funktioniert nicht.
Oder ich verdränge die Trauer weiterhin, was ich ja ohnehin schon den ganzen Tag tun musste.
Meistens entscheide ich mich für letztere Variante. Denn die erste Variante kostet Kraft. Immens viel Kraft. Und davon habe ich momentan kaum noch etwas.
Das letzte bisschen Restkraft, das mir noch geblieben ist, fordert ebenfalls tagtäglich dein Bruder von mir. Für ihn muss ich funktionieren – somit kann ich es mir nicht erlauben, noch mehr Kraft zu verlieren.
Deine Geburt und die Zeit danach im Krankenhaus waren sehr kräftezehrend. Noch nie in meinem Leben hat mich etwas so viel Kraft gekostet, wie diese 4 Wochen und 3 Tage.
Und die Zeit unmittelbar nach deinem Tod hat mir dann den Rest gegeben.
Eigentlich sollte die Zeit des Wochenbettes eine erholsame Zeit sein. Eine Zeit der Ruhe, um sich von den Strapazen der Schwangerschaft und der Geburt zu erholen. In meinem Fall war es die anstrengendste Zeit meines Lebens. Ist es immer noch!
Und das spüre ich ganz deutlich – jeden Tag.
Natürlich war diese Zeit auch anstrengend für deinen Papa und deine Großeltern.
Aber deine Großeltern konnten genauso schnell wieder in ihr Leben zurück kehren, wie sie es hinten angestellt hatten. Denn von einem Tag auf den anderen hatten sie deinen Bruder nicht mehr zu betreuen, haben nicht mehr für uns eingekauft oder gekocht und unseren Haushalt haben wir – zu Beginn mehr schlecht als recht – wieder selbst geführt.
Sie konnten wieder ihren Pflichten und Hobbies nachgehen, konnten Freunde treffen, hatten Zeit und Raum für ihre Trauer, waren zum Teil sogar schon auf Urlaub. Sie konnten sich erholen und ich denke, das hatten sie auch nötig.
Ich mache ihnen keinen Vorwurf, dass sie so schnell wieder in ihre Leben zurück gekehrt sind – das war ihr gutes Recht. Und ich bin absolut sicher, dass sie die Erholung, die ihnen ihr gewohntes Leben bietet, brauchten … aber ich muss zugeben, dass ich sie darum beneide: um die Möglichkeit der Erholung und um die Möglichkeit ihrer Trauer Zeit und Raum zu geben.
Denn ich kann das nicht …
Ich liebe deinen Bruder abgöttisch und ich bin unendlich dankbar ihn zu haben!!!
Trotzdem würde auch ich mich gerne erholen – von den Strapazen der Schwangerschaft, von deiner Geburt, von der dafür notwendigen Operation, von der anstrengenden Zeit im Krankenhaus, von deinem Tod …
Aber es geht nicht – ich versuche es, aber es gelingt mir kaum.
Somit stehe ich 6 Wochen nach deinem Tod noch immer ganz am Beginn meiner Trauerarbeit – und es wird dauern, bis ich genügend Zeit und Raum für meine Trauer hatte und natürlich auch für meine Erholung.
Mein Wochenbett fängt gerade erst an …

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