Die Wende

Am Samstag war er da ...

… der erste Tag, vor dem ich mich gefürchtet habe – die Wende …

 

Am Samstag warst du 4 Wochen und 3 Tage tot. Genauso lange, wie du gelebt hast. Das heißt, seit Samstag leben wir als Familie schon wieder länger ohne dich als mit dir. Vorausgesetzt man rechnet unsere Zeit zu zweit nicht mit – also die Zeit, die du in meinem Bauch gelebt hast.

Und heute sind es sogar schon 5 Wochen ohne dich! Wobei „schon“ in dem Fall ein relativer Begriff ist …

 

Ich habe jetzt lange überlegt, ob ich hier wirklich weiterschreiben soll.

 

Zum einen, weil ich momentan nur sehr schwer Zeit dafür finde, zum anderen, weil mich immer wieder Leute bitten, mir psychologische Hilfe zu suchen, nachdem sie einen neuen Beitrag gelesen haben.

 

Diese Bitte kann ich zwar durchaus nachvollziehen und vielleicht täte es mir auch gut – aber ich möchte es einfach (noch) nicht. Ich bin (noch) nicht bereit mit einem Wildfremden von Angesicht zu Angesicht über meine Gefühle zu sprechen. Vielleicht möchte ich es eines Tages. Und wenn es so weit ist, werde ich mir diese Hilfe auch suchen. Aber im Moment will ich es einfach nicht!

 

Wie gesagt: ich verstehe diese Bitte und ich weiß auch, dass sie von Leuten kommt, die sich einfach Sorgen um mich machen. Aber immer wieder diese Gespräche zu führen und versuchen zu erklären, warum ich keine professionelle Hilfe möchte, ist einfach anstrengend für mich – irrsinnig anstrengend.

 

Nichtsdestotrotz habe ich beschlossen deinen Blog weiterzuschreiben – aus mehreren Gründen …

 

Es zwingt mich dazu, mich mit deinem Tod und meiner Trauer auseinander zu setzen – und das ist gut so. Denn obwohl dein Tod nun schon 5 Wochen her ist, stehe ich noch ganz am Beginn meiner Trauerarbeit. Aber das ist eine andere Geschichte …

 

Es tut mir gut! Es hilft mir, meine Gedanken zu ordnen, mein Gefühlschaos zu sortieren.

Es bringt mich zur Ruhe. Deshalb kann ich auch nur nachts schreiben, wenn dein Bruder und dein Papa bereits schlafen, wenn es ganz still im Haus ist und ich allein in unserem Wohnzimmer sitze.

Dann und nur dann kann ich in mich hinein hören und diese leise Stimme wahrnehmen, die mir hilft, das alles auszuhalten.

 

Und der letzte, aber meiner Meinung nach wichtigste Grund ist schlichtweg die Thematik selbst: Sternenkinder!

 

Denn das bist du, ein Sternenkind!

 

Und Sternenkinder (also Kinder, die vor, während oder kurz nach ihrer Geburt versterben) sind in unserer sonst so fortschrittlichen Gesellschaft leider immer noch ein großes Tabuthema.

 

Zweifelsohne hat sich in den letzten Jahren und Jahrzehnten viel geändert, was den Umgang mit Sternenkindern im medizinischen Bereich anbelangt – zum Glück – aber in der Gesellschaft außerhalb des Krankenhaussettings leider noch viel zu wenig.

 

Ich bin vor kurzem einer Facebook-Gruppe von Sternenkind-Eltern beigetreten und ein Beitrag einer Mama hat mich besonders sprachlos gemacht. Diese Mama musste ihrer Wut über einen Verwandten Luft machen. Denn dieser Verwandte war ernsthaft der Meinung, dass ihr Kind, dass sie in der 18. SSW verloren hat, noch gar kein Recht auf einen Namen und eine Beerdigung hat. Es sei ja noch gar kein Mensch. Und somit habe sie auch nicht das Recht zu trauern – sie solle sich also zusammen reißen …

 

Wer bitte entscheidet das? Wer entscheidet, wann ein Kind zum Menschen wird?

 

Ja, ich weiß schon: ein Kind mit einem Geburtsgewicht von unter 500g hat in Österreich kein Recht auf einen Personenstand und somit auch kein Recht auf eine Einzelbestattung. Aber ist es deswegen kein Mensch? Haben die Eltern dieses Kindes deswegen kein Recht auf Trauer? Darf das von unserer Gesellschaft einfach so entschieden werden?

 

Eltern eines Jugendlichen, der bei einem Unfall oder durch eine Krankheit ums Leben kommt, wird jedes Recht der Trauer zugestanden. Man akzeptiert ihren Verlust und ihren Schmerz.

Und auch uns wird, Gott sei Dank, unsere Trauer von unserem Umfeld zugestanden.

 

Aber ist es nicht egal, wann man sein Kind verliert? Vor, während oder nach der Geburt?

Es ist doch in jedem Fall ein Kind – ob 18 Jahre oder 18. SSW …

 

Ein Kind mit Eltern, die es lieben. Die sich darauf gefreut haben, es kennen zu lernen und aufwachsen zu sehen. Die Wünsche, Träume und Hoffnungen hatten und die es sehnlichst erwartet haben. Und die all das mit dem Tod ihres Kindes jetzt verloren haben.

 

All die Pläne für die Zukunft, die Erwartungen, die Hoffnungen, die Freude auf ein gemeinsames Leben mit diesem Kind – weg! Gestorben! Zusammen mit ihrem Kind …

 

Alles, was übrig bleibt, ist Schmerz und Trauer. Und diese Trauer hat ihre Berechtigung!

 

Deshalb werde ich weiterschreiben …

 

Für dich, für mich und alle Sternenkind-Mamas und Papas da draußen!

 

Um ihnen zu zeigen: sie sind nicht allein! Denn das sind sie definitiv nicht!

 

Und um unsere Gesellschaft vielleicht ein bisschen für dieses Thema zu sensibilisieren.

Denn eins muss uns immer bewusst sein (bzw. Manchen erst bewusst werden): die Liebe zum eigenen Kind beginnt nicht erst mit der Geburt! Eltern lieben ihr Kind nicht erst dann, wenn es seinen ersten Atemzug macht. Eltern lieben ihr Kind schon vorher. Eine Mama liebt ihr Kind ab dem Zeitpunkt, wo sie von seiner Existenz erfährt. Und auch Papas lieben ihre Kinder bereits, wenn sie noch in Mamas Bauch sind.

 

Wenn ich also nur einen solchen Menschen, wie oben erwähnt, zum Umdenken bringe, habe ich etwas bewirkt. Für diese eine Mama und diesen einen Papa – denen solche Kommentare dann erspart bleiben …

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Kommentare: 3
  • #1

    Erna Hafner (Donnerstag, 06 Oktober 2022 07:59)

    Ich find auch du sollst weiter schreiben denn so kann auch die Trauer arbeit aussehen...ich glaube auch es tut dir gut...alles liebe und noch viel Kraft wünsche ich dur liebe Denise und natürlich auch deinen Mann

  • #2

    Gabriele Janele (Donnerstag, 06 Oktober 2022 12:36)

    Ja das finde ich auch wie Erna schreibt, wenn es dir hilft und guttut dsnn schreibe weiter. Besser als mit einem Fremden über diese Situation zu sprechen. Eines Tages wirst du und dein Mann dies für euch ganz alleine entscheiden. Meine Gedanken sind bei euch.

  • #3

    Peter Thier (Samstag, 08 Oktober 2022 08:01)

    Hallo liebe Denise!

    Die Entscheidung für diesen Blog war goldrichtig. Schreibe und erweitere diesen blog auf jeden fall weiter!

    Herzliche Grüße
    Peter Thier

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