Wach auf …

Heute ist es 7 Wochen her, dass du geboren wurdest …

 

Und 2 Wochen und 4 Tage, dass du zu den Sternen gereist bist.

 

Vor 4 Tagen – also genau 2 Wochen nach deinem Tod – konnten wir dich endlich nach Hause holen. Am Mittwoch, dem 14. September 2022 – dem 6. Hochzeitstag und 8. Jahrestag von deinem Papa und mir.

 

Das war der schwerste Weg, den ich jemals gehen musste.

 

Dein Bruder ist während der Autofahrt zum Bestatter eingeschlafen. Und so ist dein Papa bei ihm im Auto geblieben, ich bin alleine hinein gegangen, hab sämtliche Formalitäten erledigt und dich dann in einer Urne in einem Papiersackerl ins Auto getragen.

 

Das war das Schwerste, was ich jemals tragen musste. Bei jedem Schritt hatte ich das Gefühl, dass meine Beine gleich versagen und ich zusammenbreche.

 

Ich habe es gerade so ins Auto geschafft.

 

Während der gesamten Autofahrt nach Hause, haben dein Papa und ich nicht ein Wort gesprochen – zu groß war unser Kummer.

 

Zum Glück hat dein Bruder von all dem nichts mitbekommen.

 

 

Während ich diese Zeilen schreibe, sitze ich in unserem Wohnzimmer und starre auf deine Urne.

Und dieser Tag kommt mir dabei schon so weit weg vor.

 

Ich denke über unsere gemeinsame Zeit nach. Versuche mich daran zu erinnern, wie es war, als ich dich das erste Mal gesehen habe, das erste Mal berührt habe, das erste Mal mit dir kuscheln durfte … aber all das fühlt sich so weit weg an.

 

Die gemeinsame Zeit mit dir gleitet mir aus den Händen. Sie war so kurz, dass die Erinnerungen daran bereits zu verblassen beginnen.

 

Und es fällt mir schwer, sie zu Hause am Leben zu erhalten – denn schließlich warst du nie zu Hause.

Ich habe das Gefühl, dass mir die Erinnerungen an dich, an dein Leben, aus den Händen gleiten. Und das macht mir Angst – Angst, zu vergessen.

 

Zu vergessen, wie es sich angefühlt hat dich zu berühren, mit dir zu reden, mit dir zu kuscheln … wie es sich angefühlt hat zu dir zu fahren, bei dir zu sein, deine Mama zu sein …

Alles ist eingehüllt in eine schwarze, dichte Wolke.

 

Viele Leute bieten uns ihre Hilfe an und drücken uns ihr Mitgefühl aus.

Wir bekommen Nachrichten wie: „Es ist das Schlimmste, was einem passieren kann, ein Kind zu verlieren“ oder hören Sätze wie „Wenn mal ein bisschen Gras über die Sache gewachsen ist, …“.

 

Wenn mal ein bisschen Gras über die Sache gewachsen ist? Die Sache??? Du bist keine Sache! Du bist unser Kind, unser Sohn, unser Fleisch und Blut – und du bist tot. Darüber wird niemals Gras wachsen!!!

 

Denn es stimmt: ein Kind zu verlieren ist das Schlimmste, das einem passieren kann. Und das kann niemand verstehen, nachvollziehen oder sich vorstellen, der es nicht selbst erlebt hat. Diese Gefühle, diese Trauer kann man niemandem beschreiben – das ist einfach nicht möglich.

 

Seit dem 31. August 2022 um 11.30 Uhr umgibt mich eine schwarze Wolke.

Sie hat mich in dem Augenblick verschluckt, als dein Herz aufgehört hat zu schlagen. Sie umhüllt mich wie dichter Nebel im November und ich sehe kaum meine Hand vor Augen.

 

Alles fühlt sich unwirklich an, surreal. Wie in einem Traum. Einem schrecklichen Albtraum.

Ich möchte aufwachen, möchte mich selbst anschreien „Wach auf!!!“ – aber nichts geschieht. Absolut gar nichts!

 

Dabei ist das mein innigster Wunsch, mein einziger Wunsch: endlich aus diesem Albtraum aufzuwachen.

 

Ich wünsche es mir mit jeder Faser meines Herzens oder besser gesagt, mit dem was davon noch übrig ist ...

 

Jeden Tag, jede Stunde, jede Sekunde … jeden Abend vor dem Einschlafen, hoffe ich inständig, dass alles nur ein böser Traum ist. Dass ich am nächsten Morgen aufwache, es ist Sonntag, der 31. Juli 2022 und ich an mir hinunter schaue auf meinen Kugelbauch und feststelle, dass alles in Ordnung ist …

 

Stattdessen übermannt mich jeden Morgen beim Aufwachen wieder diese dunkle Wolke … diese Trauer … dieser unsagbare Schmerz …

 

Und ich stehe auf und hoffe wieder jede Stunde, jede Minute, jede Sekunde dieses Tages, dass es diesmal anders ausgeht, wenn ich am Abend einschlafe …

Kommentar schreiben

Kommentare: 0

Auch wenn deine kleinen Füße die Erde nie berührten, haben sie doch tiefe Spuren hinterlassen ...